Eröffnung der TelefonzellenBücherei

[Artikel Peter Keßler]

 

Die mystische Verwandlung einer unscheinbaren Ecke zu einem Schmuckstück des Dorfes

Am Freitag, dem 13.06. war lange vorbereitete Moment der feierlichen Eröffnung der Telefonhäuschenbibliothek zu Etzleben gekommen.

Leider traf  bei den Organisatoren unmittelbar vor der Eröffnung die Mitteilung ein, dass Frau Gertraud Hoffmann, die Ideengeberin für dieses Projekt und  somit auch Diejenige, die das Band durchschneiden sollte, in der Nacht verstorben ist. Im Rahmen der Vorbereitungen zum Dreh des MDR in unserem Dorf haben wir sie am 1. März 2018 besucht. Gertraud Hoffmann erzählte uns über die Dorfentwicklung der letzten 40 Jahre und über die Entwicklung der Kirchgemeinde. Nebenbei kam zur Sprache, dass es in Etzleben immer eine Bibliothek gegeben hat und dass das richtige Lesen, also mit einem Buch in der Hand, doch ein Kulturgut ist, was nicht so einfach verschwinden darf. Diese Idee Frau Hoffmanns nahmen wir auf und begannen ihren Traum umzusetzten.

Und auch weil es gerade Ihr Traum war, sahen wir keinen Grund die Eröffnung zu verschieben, es ist halt nur schade, dass sie so knapp diesen Moment, auf den sie sich lange gefreut und eine kleine Rede vorbereitet hatte nicht mehr persönlich miterleben konnte.

Vor den über 30 Zuhörern begann Peter Keßler einen Auszug aus dem Buch „Das gabs früher nicht“ vorzulesen. Hier beschreibt der Autor Bernd- Lutz Lange welche Bedeutung die gelben Telefonzellen in seinem Leben hatten: „Eine Telefonzelle besitzt eine besondere Romantik. Ein Refugium, in dem … alle Töne gedämpft klingen.“ Eine Telefonzelle ist für ihn der helle Kubus in einer dunklen Straße, ähnlich eines Leuchtturmes vor der dunklen Brandung.

Diesem Gefühl noch nachhängend schilderte Keßler mit einem Augenzwinkern die Mühen und Tücken beim Gestalten des neuen „Multimediacenters“ im Zentrum Etzlebens.

So fand, nach intensiver Suche, Erik Schramm  im Internet einen Anbieter in Treffurt,  der seine Zelle auch deshalb günstiger abgab, weil er von unserem Verwendungszweck begeistert war.

Die Standortsuche war auch nicht einfach.

Es musste ein Grundstück sein, welches nahe des Dorfzentrums liegt, gut zugänglich für alle ist, den Straßenverkehr nicht behindert, schattig, windgeschützt und nicht gar so auffällig ist. Mit der Lindenstraße, neben der großen Kastanie, wurde ein optimaler Platz gefunden. Ein Bauantrag wurde gestellt und mit der Unterzeichnung des Nutzungsvertrages konnten die Arbeiten losgehen. Am 3.11.18, im Rahmen des Herbstputzes unserer Gemeinde wurde das Pflaster entfernt, die Betontreppe weggestemmt und Unmengen von Schotter beräumt. Ja, so einfach Pflaster raus, Beton rein, Telefonzelle drauf war an diesem Standort nicht. Bis zum 5.11.18 waren dann weitere Aushubarbeiten und der Abtransport des Materials durch unseren Gemeindearbeiter Herr Wolfgang Steiner erledigt und das Projekt ging in die Winterpause.

Mit den ersten Sonnenstrahlen und einer frostfreien Woche im Rücken ging es mit Macht voran. Am 23.03. wurde die Bodenplatte für die Telefonzelle gegossen.

Massen von Aushub wurden weiterhin entsorgt, Pflasterkies herangekarrt, die alten Pflastersteine durch die gesamte Fam. Fiebrich geputzt, Schotter gerüttelt, gepflastert, zugeschnitten, wieder gerüttelt, Palisaden gebaut, Pflaster ausgekehrt und schon war alles bereit zum Aufstellen der Telefonzelle am Tage des Frühjahresputzes. Das war ein Scheißwetter am 13.04.19! Bei Schneesturm und Temperaturen kurz über 0 Grad war Thomas Müller froh, dass er die Befestigungslöcher in der Zelle bohren konnte. Drei Tage später rückten wir der Zelle mit dem Kärcher auf die Pelle. Und siehe da, wie im Mosaik der Digedags Nr. 140, wo Ritter Runkel seine goldene Rüstung erst von Algen befreien musste, so erschien auch das goldglänzende Telefonzellengelb wieder unter dem graugrünen Belag. Und dann waren wir uns auch einig, die Zelle wird nicht neu gepinselt. Sie bleibt authentisch, mit Schönheitsfehlern, ein bisschen angegraut und abgeschabt- wie sein Inhalt und wie wir. Manchmal kann man auf Gebrauchsspuren auch stolz sein.

Die durch die Gemeinde zur Verfügung gestellte alte Bank, wurde komplett neu aufgearbeitet und es entstand eine wunderschöne Lesebank.

Auch der Innenausbau bedurfte vieler innovativer  Lösungen.

Befestigungsschienen für die Regalbretter ließen Platz für über 300 Bücher zu. Mit einer fünfbeinigen Riffelstahlplatte wurde der Innenboden, im Gegensatz zu üblichen Telefonzellen auf die Höhe der Rahmenkante gebracht und damit eine Stolperstufe vermieden. Für die Außen- und Innenbeleuchtung werden Solarlampen mit Dämmerungsschalter und Annäherungsmelder genutzt. Die mit Spiegelfolie beklebten Seitenscheiben verhindern das Eindringen von UV- Strahlen und damit das Vergilben der Bücher. Auch sorgen sie dafür, dass die Temperaturen in der Zelle nicht auf ein unerträgliches Maß ansteigen können, so dass man die Bibliothek zu jeder Tages- und auch Nachtzeit nutzen kann.

Nun war der Moment des Durchschneidens des seit 8 Monaten straff sitzenden Absperrbandes gekommen.

Mit Ulrich Fiebrich übernahm in Vertretung von Frau Hoffmann Derjenige diese ehrenvolle Aufgabe, der den größten Anteil an Aufbau und Gestaltung des neuen Bibliothekenplatzes geleistet hatte.

Als erste Nutzerin war Gisela Stang nicht zu bremsen. Sie war so gespannt und musste sofort in die, in über 150 Stunden Arbeit mit Liebe zum Detail, alte, neue Zelle. Gesamtkosten von 698 € plus Sachspenden sind entstanden. 377 € davon sind durch Geldspenden, überwiegend aus den Einnahmen der letzten Flohmärkte der Familien Kämpfe, Schramm und Gisa Hauboldt, sowie Geldspenden der Familien Fiebrich, Grassal, Müller, Stang und einer Besucherin aus Weimar, Frau Serfling abgedeckt wurden. Der Rest ist privat finanziert. Weder Fördermittel, Parteispenden oder ein großzügiger Sponsor stehen hinter dieser Initiative.

Hier haben sich Macher gefunden, um etwas anzupacken, mit Spaß und Lust am Gestalten und mit einem Gewinn für die Allgemeinheit. Und warum? Weil sie selber Spaß am Lesen haben, und weil sie Spaß daran haben, anderen Freude zu bereiten, dass ist ihr Eigennutz.

„ Schon die Generationen vor uns in Etzleben waren eifrige Leser und es ist schön, wenn diese Tradition weitergetragen wird. Ich wünsche mir, dass auch die Kinder ihre Bücher finden…“, schrieb Frau Gertraud Hoffmann in ihrer schon lange vorbereiteten Eröffnungsrede. Und weiter: „Ich freue mich, dass so viele Leute mitgeholfen haben und möchte bei allen Beteiligten dafür „Danke“ sagen“. Bitte Frau Hoffmann, wir haben es gern gemacht.

 

Peter Keßler