Besucherrekord im Dorfgemeinschaftshaus

Vortrag zum Frühmittelalter lockte Zuhörer aus drei Bundesländern nach Etzleben

[Artikel von Peter Keßler]

Ganz im Sinne von Goethes Zauberlehrling:  „ Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister werd´ ich nun nicht los.“, waren schon eine halbe Stunde vor Beginn des Vortrages von Dr. Tannhäuser im Dorfgemeinschaftshaus von Etzleben alle regulären Sitzplätze belegt und trotz des Herantragens weitere Stühle aus allen möglichen und unmöglichen Ecken kamen auf einen neu aufgestellten Stuhl zwei neue Gäste. Also blieben nur noch Stehplätze übrig, aber auch dies schreckte keinen Neuankömmling ab, im Gegenteil, den insgesamt 105 Besuchern war es egal, Hauptsache sie konnten ihn hören und bisweilen auch mal sehen.

Dr. Christian Tannhäuser, der Gebietsreferent Nordthüringens des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Weimar kam auf Einladung der Ideenschmiede nach Etzleben, um den Kreis der Berichte und Buchlesungen zum Frühmittelalter der letzten Jahre zu schließen.

Schon früh wurde allen Zuhörern klar, dass das mit dem Königreich Thüringen des 5. bis 7. Jahrhundert gar nicht so einfach ist. Es ist ohne Spekulationen nicht möglich, Grenzen zu ziehen- zwischen Wandalen, Langobarden, Hunnen und Germanen die Thüringer herauszufinden. Deshalb begann Tannhäuser mit der Erläuterung der eigentlichen wissenschaftlichen Methoden der Archäologie. Was aus jeder Zeit bleibt sind die Zeugnisse menschlicher Hinterlassenschaften als Spiegel der Alltagskultur. Heutzutage gibt es für alles eine schriftliche Erläuterung, eine Art Gebrauchsanleitung für die Gegenstände des täglichen Lebens. Aus jener Zeit des beginnenden Mittelalters gibt es kaum schriftliche Überlieferungen. Also kann sich der Archäologe nur an dem orientieren, was für ihn interpretierbar ist. Am besten eignen sich dafür Gräber, sie sind der Spiegel der spirituellen Welt.

Die wenigen literarischen Quellen unterstützen eventuell die Deutung, können aber auch vollkommen auf den Holzweg führen. Das lässt natürlich viel Freiraum für Verschwörungstheorien. Da hielt sich Dr. Christian Tannhäuser lieber an die Fakten und berichtete von den archäologisch bedeutsamen Siedlungen, wozu auch die Funde im Gewerbegebiet Kölleda (Kiebitzhöhe) gehören. Anhand der Bestimmung des Alters der Beerdigten lässt sich so eine statistische Hochrechnung erarbeiten, die das durchschnittliche Sterbealter auf 40,8 Jahre zum Ergebnis hat. Frauen hatten eine durchschnittliche Lebenserwartung von ca. 44 Jahren, Männer von 37. Aber fast 40% der Skelettfunde waren von Kindern und Jugendlichen. Wenn aber ein Mann das Kindesalter ohne eine schwere Infektionskrankheit überstand, sich aus kriegerischen Auseinandersetzungen heraushielt und sich halbwegs ausreichend ernährt, konnte er locker 80 Jahre werden. Auch dafür gab es schon Beweise. Natürlich sind Grabbeigaben eins der spektakulärsten Mittel zur Altersbestimmung und eventuell zur Identifikation des Beerdigten. Ein Sensationsfund gelang den Thüringer Archäologen 2013 in Boilstedt nahe Gotha.

Ein vollständiges, ungeplündertes Adelsgrab aus dem 5. Jahrhundert. Waffen, eine Goldmünze aus dem westgotischen Spanien des 6. Jahrhunderts und eine Öllampe mit einem christlichen Kreuz waren einige der zahlreichen Hinweise für das Erstellen eines Bewegungsbildes des Adligen.

Zum Ende wies Tannhäuser darauf hin, dass er mit seinem 2stündigen Vortrag neugierig auf Mehr machen wollte. Um dies zu befriedigen lud er alle Zuhörer in das Archäologische Museum Weimar ein und allen, die weiter in die Materie eintauchen wollen, empfahl er die Mitgliedschaft in der Archäologischen Gesellschaft Thüringen e.V. Diesen Verein zu unterstützen lag auch den Veranstaltern am Herzen. Statt eines Eintrittsgeldes ging eine Spendenbox durch die Reihen und im Ergebnis konnte Peter Keßler einen Spendenbetrag von deutlich über 300 € überreichen.

Noch lange nach Beendigung des Vortrages suchten die Besucher aus Leipzig, Halle, Merseburg, Mühlhausen, Sangerhausen, Sondershausen, Gotha, Eisenach, Weimar und natürlich auch aus Etzleben und den umliegenden Gemeinden das Gespräch mit Dr. Tannhäuser, so dass er müde aber mit einem Lächeln erst gegen 23 Uhr den Heimweg antreten konnte.

Zufrieden waren die Organisatoren der Ideenschmiede Etzleben und das freundliche Schulterklopfen und das lieb gemeinte Dankeschön der scheidenden Gäste entschädigte für die Anstrengungen und ließ alle, etwas stolz auf sich, lächeln.

Und nun heißt es: „Auf zum nächsten Streich!“

[hie geht es zur Einladung]