Vorwort

Die Wurzeln des Siebenjährigen Kriegs liegen im sogenannten Österreichischen Erbfolgekrieg.

Nachdem Karl VI. (er war von 1711 bis 1740 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches) seine Tochter Maria Theresia als Thronfolge des Hauses Habsburg, das im heutigen Österreich Könige aus der eigenen Familie einsetzte, bestimmt hatte, veränderte sich das europäische Gleichgewicht.

Insbesondere Preußens König Friedrich II. (er war seit 1740 König von Preußen und stammte aus dem Adelsgeschlecht der Hohenzollern)  strebte nach einer Machtexpansion und wollte die reichen schlesischen Provinzen dafür erhalten, dass er die Habsburger Thronfolge anerkennt. Dies führte im Jahr 1740 zum Ausbruch der Schlesischen Kriege.

Obwohl Schlesien Teil des Habsburger Reiches war, begründete Friedrich II. seine Ansprüche mit der Liegnitzer Erbverbrüderung. Daher stellte er der Habsburger Familie 1740 ein Ultimatum für die Abtretung Schlesiens an Preußen. Friedrich II. wartete allerdings keine Antwort ab und ließ die preußische Armee sofort einmarschieren. 

Nach zwischenzeitlichem Waffenstillstand brach 1744 schließlich der 2. Schlesische Krieg aus. Mit dem Friedensschluss von Dresden einigten sich Friedrich II. und das Habsburger Haus darauf, Schlesien unter Preußischen Besitz zu stellen. Im Gegenzug wurde Theresias Gatte, Franz I. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs ernannt. Durch diese Machtverschiebung war Preußen zu einer europäischen Großmacht aufgestiegen. Aufgrund dieser neuen Rivalität zwischen Österreich und Preußen veränderte sich auch das europäische Bündnissystem. Denn gleichzeitig konkurrierten Frankreich und England um Kolonien in Nordamerika und Indien.

Maria Theresias Ziele waren es, Preußen zu isolieren und sich mit anderen Großmächten zu verbünden. Um eine drohende Allianz zwischen Österreich, Russland und England zu verhindern, ging Friedrich II. ein Bündnis mit England ein. Diese Umstände lösten einen Flächenbrand aus, der zum 3. Schlesischen Krieg bzw. Siebenjährigen Krieg führte. Der Krieg begann 1756 mit dem Einmarsch der Preußischen Armee in Sachsen und endete 1763 mit dem Frieden von Hubertusburg. Nach Kriegsende war Preußen für Habsburg (Österreich) ein gleichwertiger Gegner geworden.

Wie alle Untertanen wurde auch Etzleben zur Finanzierung des Krieges und Versorgung der stehenden Heere herangezogen.

Von den drückenden Steuerlasten und Kriegslieferungen der Kriegsjahre berichtet Pfarrer Lohmann einer Artikelserie in den Heimatglocken 1929/1930, einer evangelischen Monatszeitschrift für die Gemeinden um Sachsenburg.

Artikelserie Pfarrer Lohmann

[Heimatglocken Nr. 13, Oktober 1929; Manuskript rotes Buch]

Zt. "...

Etzleben im Siebenjährigen Krieg

Die folgenden Mitteilungen sind aus dem Protokollbuche des Kantors Adam Balthasar Ehrenfrie Theuer zusammengestellt, der zur Zeit des siebenjährigen Krieges in Etzleben das Schulamt verwaltete.

König Friedrich II. begann den Krieg mit dem Einfall in Sachsen. Die sächsische Armee hatte bei Pirna ein festes Lager bezogen, sah sich aber am 15. Oktober 1756 durch Hunger zur Übergabe gezwungen und wurde der preußischen Armee einverleibt. Sachsen wurde unter einem General – Kriegsdirektorium das seinen Sitz in Torgau hatte, in preußische Verwaltung genommen und, wie Preußen selbst, zu allen Kriegsopfern als Geld und Lieferungen herangezogen. So hat auch das Amt Sachsenburg, das damals chursächsich war, mit seinen Dorfschaften Sachsenburg, Gorsleben, Etzleben, Büchel, Griefstedt und Bilzingsleben schwer an den Lasten des Krieges zu tragen gehabt. Etzleben richtete das Haus des Kantors als Magazin ein, um , soweit es seine Verhältnisse gestatteten, Vorräte aufzuspeichern und dadurch für Kriegslieferungen vorzusorgen. So veranlaßte einmal der Heimbürge Spangenberg – Schulze oder Gemeindevorsteher – daß auf jede Hufe Land ein Scheffel Hafer, 8 Pfund Heu und 5 Pfund Stroh für das Magazin abgegeben werden mußten. Ein anderes Mal wurden  120 Rationen Hafer, Heu und Stroh, die für Bilzingsleben bereitgestellt worden warn, aber nicht abgeliefert zu werden brauchten, gleichfalls dem Magazin überwiesen.

                                                                                                                               

[Heimatglocken Nr. 14, November 1929]

Etzleben im siebenjährigen Krieg

(Fortsetzung)

Die Lieferungen an Preußen begannen am 15. Dez. 1756 und endeten am 24. Dez. 1760! In dieser Zeit hat Etzleben 259 ¾ Scheffel Hafer, 47 ½ Scheffel Gerste, auch Mehl, 88 Ztr [Anmerkung: Zentner entspricht  50 Kilogramm] Heu und 25 ¼ Schock Stroh in natura geliefert. Dazu kommen noch 384 Rationen, die Ration zu 6 Pfd. [ein Pfund entspricht  500 Gramm], 8 Pfd. Heu und 2 Metzen [altes Hohlmaß] Häcksel oder entsprechendem Stroh, und außerdem einmal 186 Pfd. Fleisch, 372 Pfd. Brot, 2 ½ Eimer Bier,3 Scheffel Erbsen und 3 Scheffel  Graupen. Was die Gemeinde nicht in natura aufbringen konnte, hat sie gekauft oder sich mit Geld gelöst und dafür 409 Reichstaler 21 Groschen aufwenden müssen. Für Verschiedenes, u.a. für Armatur und Uniformen, Für Stückknechte und Pferde, mußten 336 Reichstaler 6 Groschen gezahlt werden. Auch ist der Belastung mit Einquartierungen nicht zu vergessen, wobei nicht nur Mannschaften und Pferde zu verpflegen waren, sondern Etzleben isch einmal auch noch für 71 Rationen mit 37 R.-Talern abfinden und ein ander Mal einem Freibataillon beim Abmarsch noch 900 Brote zu 6 Pfd. Zum Mitnehmen liefern und alle Pferde stellen mußte, „welches alles viel Jammer , Klage und Not verursacht“.

Um die Größe dieser Leistungen recht zu würdigen, müssen wir uns gegenwärtig halten, daß der Wert des Geldes damals um mindestens das Fünffache höhe war als heute!  Daß die die Preußen nicht mit sich spaßen ließen, ersieht man aus folgendem Schreiben: „ Da das Dorf Etzleben auf die ausgeschriebene Fouragelieferung und annoch zestierende Schock und Quatembersteuer Geld z.Zt. wenig oder gar nichts abgeliefert hat , und sich in Berichtigung derselben sehr säumig bezeiget, als wird gegenwärtiges Kommando hierdurch beordert, sich in gedachten Ort auf Erekution zu begeben und nicht eher wieder abzugehen, bis sich das dorf Etzleben durch Attestate oder Quittungen legitimieren kann, daß alles bezahlt ist. Das Erekutionskommando empfängt  außer Essen und Trinken den 1 Tag 5 Rtaler [Reichstaler], den 2. Tag 10 Rtaler, den 3. Tag 15 Rtaler usw. Bis zur gänzlichen Ablieferung des Reste. Bei länger als 6Tage Frist erfolgt die gänzliche Ausfouragierung.

Kindelbrück, den 18. Februar 1760. Von Erlach, Leutnant

Pfarrer Lohmann

                                                                                                                               

[ Heimatglocken Nr. 15, Dezember 1929]

Etzleben im siebenjährigen Kriege.

(Fortsetzung)

Die 85 Reichstaler Erekutionsgebühren, die ein in Gorsleben einquartierter Wachtmeister Drost nach einer von ihm am 27. Februar 1760 an den Etzleber Heimbürgen gerichteten Ankündigung den nächsten Tag selbst abholen will, sind wohl keine neue Forderung, sondern das Ergebnis dieser Erekution.  – Was ab den armen Menschen zugemutet wurde, zeigt der Befehl, den der königlich preußische Oberst u. Kommandant von Leipzig, von Keller, am 4. März 1760 von Leipzig aus erläßt: „ Den Deputierten des  thüringer Kreises wird hiermit bei 1000 Louisdor Strafe befohlen, sogleich ohne den geringsten Anstand alle Wagen, die in den Städten und Dörfern sind, mit Fourage zu beladen und anhero zu bringen“.  Für die Ausführung dieses Befehls sorgte Oberst v. Keller in Etzleben selbst.  Am 4. März ließ er fouragieren. Abends 5 Uhr rückte ein preußischer Wachtmeister nebst 3 Mann hier ein. Andern Tags wurde früh 6 Uhr angefangen und wurden so viel Früchte weggenommen, daß  „alle Wagen mit Ausnahme der des Pfarrers und des Landrichters Schenken beladen waren, von hier nach Kindelbrück und von da nach Leipzig gefahren“. –

Zu den Lieferungen an Preußen kamen noch drückende Steuern. So hatte Sachsen nach einem preußischen Steuerausschreiben vom 15. März bis Ende April 1758 vier Millionen Taler abzuführen, die widrigenfalls durch die allerschärfste militärische Erekution durch Auspfändung, auch mit Feuer und Schwert, beigetrieben werden sollten. – Um diese bei dem schon herrschenden Geldmangel schier unerschwingliche Summe aufzubringen, wurde für sämtliche thüringer Kreise jede steuerbare Hufe mit 5 Rtaler angesetzt, wobei auf Etzleben, das 31 Hufen hatte, 155 Rtaler kamen. Da auch die chursächsische Regierung die ihr zukommenden Steuern einforderte, war das arme Land doppelt gestraft. –

 Gott schenke allen lieben Lesern mit ihren Angehörigen recht frohe Weihnachten! Möge der Lichtglanz von Bethlehem alle Häuser und Herzen durchsonnen! Dann mit Gott ins neue Jahr!

Herzlich grüßt Ihr

Pfarrer  Lohmann

                                                                                                                               

[ Heimatglocken Nr. 17, Februar 1930]

Etzleben im siebenjährigen Kriege. Entschädigungen.

Von den Leistungen für Preußen wurde ein Teil vergütet. So erhielten die Etzlebener, die sich an der Stellung von 40 vierspännigen Wagen, die am 14. Jan. früh 9 Uhr auf dem Markte in Kindelbrück stehen sollten, um Getreide von Günstedt nach Leipzig zu fahren, mit 4 Wagen beteiligt hatten, 08 Reichstaler 16 Groschen 10 Pfg. [Pfennig], und an 11 Anspänner, die ein späteres Mal auf Befehl des Feldkriegsdirektoriums Wagen und Pferde gestellt hatten, wurden 540 Reichstaler ausgezahlt. -  Die Absicht zu entschädigen, erkennen wir auch daraus, daß im Juli 1760 die Gemeinden aufgefordert wurden, Aufstellungen über das zu machen, was ihnen alles, und von wem weggenommen worden war, und es mit Quittungen zu belegen. Aus dem Wortlaut ersieht man nicht, ob dabei auch an Entschädigungen für das gedacht war, was den Feinden König Friedrichs zum Opfer gefallen war. Denn da er sich gegen Reichsarmee, Oesterreicher, Franzosen und Russen zugleich zu wehren hatte, mußte er Sachsen oder Teile Sachsens oft unverteidigt lassen und konnte nicht verhindern, daß das arme Land auch von seinen Feinden ausgeplündert und gebrandschatzt wurde.

Die Franzosen in Etzleben!

So ergossen sich im Herbst 1757 die Franzosen unter dem Prinzen von Soubise und die Reichsarmeen, die der Prinz von Hildburghausen befehligte, über Thüringen. Für die französische Armee mußten die zum Amt Sachsenburg gehörenden Dörfer einmal 32 Säcke Weizen zu 204 Pfund und 16 Säcke Korn innerhalb von 24 Stunden nach Weißensee liefern; nachdem sie erst kurz vorher 242 Scheffel Hafer, 214 Zentner Heu, 32 Schock Stroh, 50 Scheffel Mehl und 193 Brote zu 6 Pfund für Preußen hatten aufbringen müssen. Und der Prinz von Hildburghausen verlangte von den thüringer Kreisen 50 000 Rationen Heu zu 10 Pfd., 5000 Scheffel Hafer und 2000 Zentner Mehl zu 110 Pfd. Am 27. Okt. 1757 bekam das kleine Etzleben 2000 Mann französisches Fußvolk und Reiter als Einquartierung. Die Liste der Einwohner, bei denen die Franzosen einquartiert wurden, faßt  59 Namen. Mehr Haushaltungen wird es auch nicht gegeben haben; denn eine solche Masse unterzubringen, konnte auch die ärmste Familie nicht verschont werden. Aus der Stärke der Zuteilung können wir auf die Leistungsfähigkeit einzelner Etzleber schließen. Darüber nächstes Mal! Mit herzlichen Behüt Sie Gott grüßt Ihr

Gustav Adolf Lohmann

                                                                                                                               

[ Heimatglocken Nr. 19, März 1930]

Die Franzosen in Etzleben! (Fortsetzung)

So erhielt Gerhard Schmidt, der Besitzer der Vogtei nicht weniger als 80 Offiziere, 132 Gemeine, 25 Pferde; Friedrich Reinhard auch 100 Gemeine, Jakob Schlücke 4 Offiziere, 70 Gemeine; Ernst Haubold 70 Gemeine;  ein anderer Haubold oder eine Witwe dieses Namens 60 Gemeine, 3 Pferde; Georg Lange 3 Offiziere, 61 Gemeine, 2 Pferde; Michael Lange 1 Offizier, 64 Gemeine, 1 Pferd. Der damalige Besitzerdesspäter Mackrodtschen Gutes mußte zwar nur 38 Gemeine, daneben aber einen Genera und 38 Pferde aufnehmen. Diese Genannten waren damals wohl die wohlhabendsten Einwohner Etzlebens. – Schon am 28 Oktober zogen die Franzosen weiter, ihrem Verhängnis entgegen. Denn am 5. November brachte Friedrich Franzosen und Reichsarmee, obwohl nur halb so stark, bei Roßbach eine völlige Niederlage bei, sodaß sie ihr Heil in wilder Flucht suchten. Damit war aber Thüringen nicht von ihnen erlöst. Vielmehr mußten am 7., 8. Und 9.Novmeber bei dem Rückmarsch der französischen  Armee sämtliche Gemeinden der dortigen Gegend wegen der Marodeurs aufgeboten werden, und Etzleben ist wegen eines besorgten Ueberfalls mit einer starken Wache besetzt gewesen.

Diese Wache, die beim Schenkwirt Zöller einquartiert war, verbrauchte 14 Pfd. Fleisch, 3 Pfd. Butter, 3 Mandel Käse, 12 Brote, Kraut, 3 Eimer Bier, 14 Maß Branntwein, Tabak, Hafer und Heu, merkwürdigerweise auch Wolle zum Strümpfe stricken: Kostenpunkt 12 Reichstaler 18 Groschen 10 Pfg., auch nach heutigem Geldwert gegen 200 Mark, eine recht anstädnige Zeche. Dabei konnte die Wache nicht verhindern, daß am Nachmittag des 7. Nov. 13 Reiter die Etzlebener überfielen und brandschatzten und dem Heimbürge unter Drangsalen 13 Taler abpreßten.

(Schluß folgt.)

Herzliche Grüße nah und fern

Gustav Adolf Lohmann, Pfarrer

                                                                                                                               

[ Heimatglocke Nr. 19, April 1930]

Leiden im siebenjährigen Kriege. (Schluß)

Ebenfalls am 7. November sollte Etzleben, als die franz. Armee auf ihrem Rückzuge sich bei Sachsenburg befand, ohne Verzug 4000 Pfd. Brote, 200Scheffel Hafer und 100 Ztr. Heu liefern. Gleich darauf verlangte General St. Germain, der Kommandant der franz. Nachhut, die unverzügliche Lieferung von 1100 Pfd. Brot nach Schloß Beichlingen. Es wurden auch 228 Pfd. Brot nach Sachsenburg, ebenso 228 Pfd. Nach Beichlingen geleifert, erstere aber wieder mitgenommen, da die Franzosen schon weiter geflohen waren, und an den Schenkwirt Zöller für 2 Reichstaler 12 Groschen verkauft. – Abgesehen von ihren drückenden unerschwinglichen Forderungen müssen die Franzosen auch sonst schrecklich gehaust haben. Dafür können wir uns auf einen durchaus zuverlässigen und glaubwürdigen Zeugen, dem auch sicher jede Übertreibung fern gelegen hat, auf den General St. Germain selbst, berufen. Er schreibt: „Das Land ist auf 30 Meilen in die Runde geplündert und verheert wie wenn das Feuer des Himmels darauf gefallen wäre, kaum haben unsere Nachzügler und Marodeurs die Häuser stehen lassen. Ich führe eine Bande von Räubern und Mördern.“ – Damit wollen wir den Bericht über Drangsale und Leiden, denen im siebenjährigen Kriege auch Etzleben ausgesetzt war, schließen und nur noch etwas hinzufügen, was allgemeinen Interesse begegnen dürfte, daß nämlich zu den Etzlebenern, die damals lebten und litten, auch Georg Dreyse gehörte, Großvater von Nikolaus Dreyse, dem berühmten Erfinder des Zündnadelgewehres. – Gesegnete Ostern wünscht mit herzlichen Heimatgrüßen

Pfarrer Lohmann

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